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die deutsche KiTa Krise

Kitaplatzmangel Wir müssen draußen bleiben

Zu viele Kinder, zu wenige Erzieher: In Deutschland fehlen laut Experten 300.000 Kitaplätze. Obwohl die Bundesregierung gegensteuert, wird sich der Mangel in den nächsten Jahren wohl noch verschärfen.

Katharina Mahrt hätte nie gedacht, dass sie auch eine dieser Frauen werden würde. Frauen, die wegen des Kindes nicht arbeiten gehen können, die beruflich zurückstecken müssen, die sich mit ihrem Freund streiten, weil die Kinderbetreuung an ihnen hängen bleibt. Weil sie weniger verdienen als ihr Partner. Und nun ist sie genau in diese Rolle hineingeraten, weil sie für ihren 17 Monate alten Sohn Jan keinen Betreuungsplatz findet.

 

Sie hatte sich bei Dutzenden Kitas beworben und es am Ende auf 20 Wartelisten geschafft. Eigentlich wollte sie Jan mit einem Jahr in die Kita geben, um ihren Master in Europäischer Ethnologie abzuschließen, doch nun muss sie ihre Elternzeit verlängern, ihren Abschluss verschieben, um ihr Bafög bangen und hoffen, dass sie dann noch promovieren kann. „Das stresst total“, sagt sie. „Wir haben uns auf den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz verlassen, doch wir wurden im Stich gelassen.“

Ihr geht es wie so vielen anderen Eltern in Berlin. Der Stadt fehlen etwa 3000 Kita-Plätze, weil es nicht genug Immobilien und nicht genug Erzieher gibt. Selbst die Eltern, die einen Kitaplatz haben, müssen oft kurzfristig umplanen, weil manche Einrichtungen wegen Personalmangel schon mittags schließen müssen.

50.000 Kitakinder mehr

Wie konnte es so weit kommen? In Berlin gibt es 50.000 Kitakinder mehr als noch vor zehn Jahren, wie der Berliner Senat für Bildung, Jugend und Familie mitteilt. Demnach gehen inzwischen 220.000 Kinder in eine Berliner Kindertagesstätte. Das liege an den steigenden Geburtenzahlen sowie dem starken Zuzug.

Außerdem wurde zum Schuljahr 2017/18 der Stichtag für die Einschulung verschoben. Schulpflichtig sind nun nur die Kinder, die bis zum 30. September eines Jahres, und nicht mehr bis Ende des Jahres, das sechste Lebensjahr vollenden. Sind die Kinder also nach dem neuen Stichtag geboren, bleiben sie länger in der Kita.

Hinzu kommt der Erziehermangel, der sich in Berlin verschärft hat, weil der Betreuungsschlüssel verbessert worden ist. Dadurch braucht die Stadt mehr Erzieher für die gleiche Anzahl an Kindern.

Auch Ann-Mirja Böhm, Mitorganisatorin der Initiative „Kitakrise Berlin“, ist bei der Suche nach einem Kitaplatz für ihre Tochter Paulina fast verzweifelt. Böhm hat alle Jugendämter der Stadt angerufen und sich bei rund 60 Kitas und 120 Tagesmüttern beworben. „Es ist die absolute Hölle. Irgendwann habe ich nur noch geweint.“

Sie habe versucht, in den Gesprächen mit der Kitaleitung besonders nett und lustig zu sein. Aber das hätten andere Eltern auch versucht. Inzwischen hat sie einen Platz für ihre Tochter bei einer Tagesmutter bekommen – allerdings ist der 45 Minuten entfernt.

Doch nicht nur in Berlin sind Kitaplätze knapp. Laut einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft fehlen in Deutschland fast 300.000 Plätze für Kinder unter drei Jahren. Vor allem in Bremen klafft demnach eine große Lücke, hier gibt es für 20 Prozent aller unter Dreijährigen keinen Platz.

Auch in Leipzig suchen Tausende Eltern nach einem Kitaplatz. Erst im vergangenen Jahr hielten Fotografen fest, wie Hunderte Eltern anstanden, um einen Platz in einer Kita zu beantragen.

Es klagen auch immer mehr Eltern, 2017 gingen etwa 400 Klagen ein, in diesem Jahr sind es auch schon um die hundert. „Weil immer mehr Menschen klagen, entsteht bei der Platzvergabe allerdings ein System der Ungleichheit“, sagt Victoria Jankowicz von der Leipziger Kitainitiative. „Es klagen ja nicht unbedingt Hartz-IV-Empfänger oder Flüchtlinge, weil sie eine höhere Hemmschwelle oder sogar Angst vor Gerichtsprozessen haben. Es klagen eher die Akademiker.“ Diese würden bei der Platzvergabe dann bevorzugt.

Auch in Nordrhein-Westfalen (15, 6 Prozent ohne Betreuung) und in Rheinland-Pfalz (15 Prozent) sieht es nicht viel besser mit Kitaplätzen aus. In Mecklenburg-Vorpommern liegt die Quote zum Vergleich bei 3,1 Prozent. Allerdings ist der Personalschlüssel ein anderer: Hier kommen sechs Kinder unter drei Jahren auf eine Erzieherin, in Sachsen sind es fünf – in NRW und in Rheinland-Pfalz dreieinhalb bis fünf.

„In den vergangenen Jahren haben die Kommunen viel zu wenig neue Kitas geschaffen“, sagt Wido Geis, Experte für Familienpolitik beim Institut der Deutschen Wirtschaft. Zudem hätten sich die Bedürfnisse der Eltern geändert. „Seit Mitte der Nullerjahre wollen immer mehr Eltern ihre Kinder vor dem dritten Lebensjahr in die Kita schicken.“ Damit hätten die Kommunen nicht gerechnet.

Zudem werde auch für den Ausbau der Ganztagsschulen Personal gebraucht, da auch hier die Nachmittagsangebote häufig von Erziehern betreut werden. Und es fehlt auch an Immobilien, die als Kitas genutzt werden könnten. Einige Gebäude, die die Kommunen zu Kitas hätten umbauen können, haben sie zunächst genutzt, um Flüchtlinge unterzubringen, sagt Geis.

Ein großes Problem ist auch der bundesweite Fachkräftemangel. „Es fehlen 107.000 Erzieher“, sagt Kathrin Bock-Famulla, Expertin für Bildungsinvestitionen bei der Bertelsmann-Stiftung.

Bereits vor acht Jahren hatte die Bertelsmann-Stiftung laut Bock-Famulla bei den Bildungsministerien der Länder nachgefragt, ob sie einen Fachkräftemangel in den Kitas erwarten. Die wenigsten Länder hätten eine Prognose dazu gehabt, nur Rheinland-Pfalz hatte eine umfassende Studie in Auftrag gegeben. Dementsprechend hätten die Länder auch kaum Maßnahmen ergriffen, um verstärkt Erzieher auszubilden.

 

Das merkt auch Grit Wetjen, Personalratsvorsitzende der städtischen Kitas in Bremen: „Bei uns klafft eine riesige Lücke“, sagt sie. „Der verfehlte Ausbau an Plätzen für unter Dreijährige macht allen Gemeinden und Städten zu schaffen.“ Bremen hätte zwar 35 Mobilbauten neben den Kitas aufgestellt und in den vergangenen zwei Jahren 400 neue Erzieher beim städtischen Träger eingestellt – aber trotzdem seien es noch zu wenig. Die Stadt wirbt um Quereinsteiger – etwa sozialpädagogische Assistenten oder Pfleger – aber auch die müssen erst mal zu Erziehern ausgebildet werden.

Zu schaffen macht Grit Wetjen auch das Umfeld von Bremen: „Niedersachsen wirbt uns die Erzieher ab“, sagt sie. Wenn dort schicke neue Kitas entstehen, die mit mehr Geld locken, entscheiden sich einige Erzieher, die Einrichtung zu wechseln.

Für die Zukunft zeichnen die Experten ein düsteres Bild. „Es werden auch in den nächsten Jahren viele Kitaplätze fehlen“, sagt Kathrin Bock-Famulla. Eltern wünschen sich nicht nur in der Krippe, sondern auch im Kindergarten zunehmend eine Ganztagesbetreuung für ihr Kind. Außerdem werden viele ältere Erzieher in Rente gehen. Zwar sollen viele neue ausgebildet werden, aber auch dabei kommt es zu Problemen. „Es gibt nicht genügend Lehrer für die Erzieherausbildung“, sagt Bock-Famulla. „Die Fachhochschulen suchen händeringend nach Pädagogen, die die Fachkräfte ausbilden.“

Das „Gute-Kita-Gesetz“

Um die Krise zu lösen, müssten die Kommunen ihre Erzieher besser bezahlen, sie tariflich höher eingruppieren und gute Arbeitsbedingungen schaffen. Denn, wenn Erzieher über Monate und Jahre zu viele Kinder betreuen müssten, suchten sie sich womöglich einen anderen Job.

Zusammenfassung

Die Geburtenzahl ist angestiegen, Menschen sind zugezogen und es gibt nicht genügend Erzieher. Aus diesem Grund fehlen knapp 300.000 Kitaplätze in Deutschland. Verschärft wird die Situation durch den Wunsch vieler Eltern, ihr Kind ganztags betreuen zu lassen. Die Bundesregierung will bis zum Jahr 2021 zwar insgesamt 3,5 Milliarden Euro zusätzlich bereitstellen, um die Qualität der Kitas zu verbessern, doch dies dürfte kaum ausreichen.

 

Gefunden auf spiegel.de von Kevin Bortoli am 08.05.19

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