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Waldkindergarten Österreich Presse

Waldkindergärten sind in Österreich noch nicht wirklich bekannt und stecken damit weitgehend noch in den Kinderschuhen – obwohl es sie seit mehr als zehn Jahren gibt. An die 25 sind es hierzulande, in Deutschland hingegen zählt man 1500 und in Tschechien immerhin noch 700. Waldkindergarten ist dabei nicht Waldkindergarten – es gibt sie in unterschiedlichen Formen. Bei den einen toben und spielen die Kinder von Montag bis Freitag täglich Stunden im Wald, bei den anderen gibt es Zeiten im klassischen Kindergartengebäude und Zeiten im Wald, bei anderen handelt es sich um Regelkindergärten, bei denen man beispielsweise jeden Donnerstag in den Wald geht.

„Kinder profitieren in jedem Fall von ihren Abenteuern und Erfahrungen in der Natur“, sagt Petra Schwarz, Projektleiterin von Green Care Wald. Denn die Kleinen haben richtig Spaß, wenn sie den Wald erforschen, wenn sie Dämme oder Baumhäuser bauen, wenn sie am Lagerfeuer kochen, Lieder singen oder mit Naturmaterialien werken. Schwarz: „Ziele sind neben der Bewegung in der Natur unter anderem auch die Förderung von Eigenverantwortlichkeit, Sozialkompetenz, Kommunikationsfähigkeit und Selbstbewusstsein.“ Waldpädagogik achtet zudem stark darauf, dass die Mädchen und Buben selbst Gestalter im eigenen Lernprozess sein können. „Damit ist der Gewinn für die Kinder am größten.“

Klügere Mädchen und Buben. Ein Gewinn sind Waldkindergärten freilich auch für die Gesundheit, denn Naturkontakte wirken sich generell positiv auf die physische und psychische Gesundheit aus. So wird unter vielem anderen die mentale und kognitive Entwicklung der Kinder optimal gefördert, das Spiel in der Natur mildert ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung) nachhaltig und verbessert Konzentration, Kreativität und Immunsystem – der Cocktail aus Matsch, Erde, Feuchtigkeit, Waldluft, Bewegung und Spiel stärkt eben die Abwehrkräfte und beugt chronischen Krankheiten und Allergien vor. Nur eine von etlichen Studien sei hier erwähnt: Eine deutsche Untersuchung fand heraus, dass Kinder im Waldkindergarten deutlich weniger oft krank sind, ihre Konzentrationsfähigkeit höher und die Grobmotorik besser entwickelt ist. So ganz nebenbei haben Kinder, die sich viel im Wald bewegen, auch weniger Probleme mit Übergewicht und sind insgesamt zufriedener und ausgeglichener.

 

Die gesunden Seiten des Waldes macht sich unter anderem auch der „Therapiesalon im Wald“ zunutze. „Als Besonderheit beziehen wir den therapeutischen Erlebnisraum Wald und die Natur in unser Therapieangebot ein“, erwähnt der Psychologe Thomas Legl. Hauptschwerpunkt des Therapiesalons am Fuß der Rax ist eine ganzheitliche Behandlung beziehungsweise Prävention von psychosomatischen Erkrankungen. „Neben medizinischen Behandlungen, Psycho- und Entspannungstherapie laden wir auch zu kontemplativen Spaziergängen, machen Bergtouren, bieten Mountainbike-Ausflüge und halten Gestalt-, Kreativ- und Maltherapiestunden im Wald ab. Wir suchen da auch Plätze, wo man sich wohlfühlt, suchen Materialien aus der Natur und vieles mehr.“

Entschleunigung vom Alltag und Reizentflutung im Wald sollen das Fundament für verbessertes Wohlbefinden bilden. Untergebracht sind die Patienten in einem waldnahen Hotel der Mittelklasse, das Therapiegästen exklusiv zur Verfügung steht.

Japanische Medizin. Doch nicht nur hier, sondern auch in Asien befasst man sich mit Waldmedizin und ihrer heilenden Wirkung. In Japan ist Shinrin-yoku, was übersetzt so viel wie Waldbaden heißt, eine offiziell anerkannte Methode zur Vorbeugung und unterstützenden Behandlung von Krankheiten. Auf japanischen medizinischen Universitäten gibt es seit 2012 auch den eigenen Forschungszweig „Forest Medicine“. Einer ihrer Pioniere, der Mediziner Qing Li, zeigte mittels einer Analyse von Gesundheitsdaten der gesamten japanischen Bevölkerung auf, dass in Waldgebieten deutlich weniger Menschen an einer Krebserkrankung sterben als in unbewaldeten Gebieten – und das, nachdem viele andere mögliche Einflussfaktoren auf das Sterberisiko herausgerechnet wurden. In einem japanischen Geriatriezentrum hat man herausgefunden, dass bereits ein 15-minütiger Aufenthalt auf einer waldähnlich bepflanzten Terrasse sich bei Senioren positiv auf die Herzfrequenz auswirkt.

In Neuseeland gibt es bereits sogenannte grüne Verschreibungen; erschöpfte und depressive Menschen können quasi auf Kosten der Krankenkasse in die Natur gehen.

Lichtungen sind beliebt. In Dänemark wird im Rahmen des Waldtherapiegartens Nacadia erforscht, wie der Wald aussehen soll, um größtmögliche gesundheitliche Benefits zu bieten. Menschen ziehen einen Wald mit hohen Bäumen und Lichtungen vor, die ob ihrer Helligkeit ein Sicherheitsgefühl vermitteln. Ein dichter, dunkler Wald hat für viele Menschen nicht wirklich eine entspannende Wirkung.

In den USA und Australien hat sich die Wilderness- oder Abenteuer-Therapie etabliert. Der Wald wird als Ort genützt, um die Folgen des eigenen Tuns unmittelbar aufzuzeigen. Das Ziel dabei: Im Wald soll man wieder seine Mitte finden, speziell ausgebildete Therapeuten unterstützen dabei.

In Toronto hat der Umweltpsychologe Marc Berman die Baumdichte innerhalb der Stadt mit den Gesundheitsdaten der Bewohner abgeglichen und herausgefunden: Je mehr Bäume in einer Wohngegend stehen, desto niedriger ist das Risiko für Herzkreislauferkrankungen.

 

 

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.09.2016)  Kevin Bortoli. 18.02.2019

 

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